Das Feuerlöschwesen in der Kernstadt (1945-1983)

Neubeginn nach dem Zusammenbruch

Nachdem sich nach einer kurzen Übergangszeit das Gemeinschaftsleben auf der gemeindlichen Ebene wieder etablierte, konnte bald mit dem Neuaufbau der Freiwilligen Feuerwehr Lich begonnen werden. Zahlreiche Männer, die in den vergangenen Jahren der Feuerwehr die Treue gehalten hatten, stellten sich weiter zur Verfügung. So konnte bereits am 15. Juli 1945 mit Genehmigung der amerikanischen Besatzungsmacht der Übungsbetrieb unter der Leitung des damaligen Wehrführers Karl Ludwig Eise wieder aufgenommen werden. Durch den Zugang von weiteren Jugendlichen erreichte die Wehr im Jahre 1950 einen aktiven Bestand von über 100 Wehrmännern. Diese Zahl nahm in den folgenden Jahren wieder ab, zumal für die Bedienung der modernen Feuerlöschgeräte nur noch wenige Spezialisten benötigt werden.

 

Da der alte Vorspannwagen „Horch“, der sich im Eigentum des Landkreises Gießen befand, den Anforderungen der Wehr nicht mehr entsprach, konnte im Jahre 1950 ein altes Fahrzeug Marke „Dodge“ aus amerikanischen Heeresbeständen erworben und als Mannschafts- und Schlauchwagen umgebaut werden. Im Jahre 1951 erfolgte die Anschaffung eines neuen Tragkraftspritzenanhängers (TSA), wodurch der Wehr nunmehr zwei voll motorisierte Löschgruppen zur Verfügung standen.

 

Großzügig wurde am  1. und 2. September 1951 das 75jährige Jubiläum der Freiwilligen Feuerwehr Lich gefeiert. Gleichzeitig war damit der Kreisverbandstag der Feuerwehren des Land- und Stadtkreises Gießen verbunden. Weiterhin wurden bei diesen Jubiläumsveranstaltungen die ersten Feuerwehrleistungswettkämpfe auf Kreisebene durchgeführt, wobei die beiden Gruppen der Licher Wehr den 3. und 5. Platz belegen konnten.

 

Die folgenden Jahre waren ausgefüllt mit dem Bestreben, die Ausbildung der Wehr zu fördern, um der Bevölkerung einen großen Schutz bei Feuersnot und sonstigen Gefahren zu gewähren. Mehrmals beteiligten sich Gruppen an den Feuerwehrleistungswettkämpfen.

 

Allerdings nahm auch die Einsatztätigkeit zu und die Wehr bzw. einzelne Gruppen mussten bei kleinen und größeren Bränden innerhalb der Stadt Lich sowie in den umliegenden Gemeinden eingesetzt werden, zumal die Stadt Lich weiterhin Mittelpunkt des Löschbezirkes VI war.

 

Als weiterer Schritt zur Motorisierung der Wehr erfolgte am 17. Januar 1959 die Indienststellung eines neuen Tragkraftspritzenfahrzeuges (TSF), das den alten Hydrantenwagen aus dem Jahre 1925 ablöste.

 

Ein größerer Einsatz wurde von der Licher Löschgruppe bei der Brandkatastrophe am 8. Oktober 1959 in Bettenhausen gefordert, als 18 Wehrmänner abwechselnd 16 Stunden bei der Brandbekämpfung tätig waren.

 

Infolge ihres hohen Alters und im Hinblick auf die zunehmenden Hochbauten innerhalb der Stadt konnte die aus dem Jahre 1905 stammende mechanische Leiter den Ansprüchen einer modernen Feuerwehr nicht mehr gerecht werden. Die Stadt Lich entschloss sich daher im Jahre 1960, eine neue, gummibereifte Anhängerleiter (AL 18) in Stahlbauweise mit einer Steighöhe von 18 Metern anzuschaffen, die im Rahmen der Abschlussübung am 16. Oktober 1960 der Wehr übergeben werden konnte.

 

Im Zuge des Aufbaus des Zivilen Bevölkerungsschutzes wurden im Jahre 1963 der Wehr neue Aufgaben zugewiesen, und der Fahrzeugpark erhielt durch die Bereitstellung eines Löschgruppenfahrzeuges 16-TS (LF 16-TS) eine wesentliche Verbesserung, zumal dieses Fahrzeug der Wehr auch für Übungszwecke und für örtliche Einsätze zur Verfügung stand. Des Weiteren konnte im Jahre 1963 eine neue Tragkraftspritze (TS 8/8) als Ersatz für die zwischenzeitlich unbrauchbar gewordene „Bachert-Pumpe“ aus dem Jahre 1938 angeschafft werden.

 

Bescheiden gedachte die Wehr am 15. und 16. Oktober 1966 ihres 90jährigen Bestehens. Im Rahmen einer großangelegten Abschlussübung konnte sich die Bevölkerung der Stadt Lich über die Einsatzbereitschaft der Wehr informieren. Insbesondere durfte die Wehr an diesem Tage ein neues Tanklöschfahrzeug 16/25 (TLF 16/25) in Empfang nehmen, mit dessen Indienststellung ein langer Wunsch in Erfüllung ging. Dieses Fahrzeug hat seine Bewährungsprobe dann auch bei dem Großbrand am 9. und 10. September 1967 auf dem Hofgut Kolnhausen bestanden, als durch den schnellen Einsatz dieses Fahrzeuges ein ganzer Gebäudetrakt vor dem drohenden Übergreifen des Feuers gerettet werden konnte. Das Jahr 1967 sollte allerdings nochmals zu einer harten Prüfung für die Wehr werden. Als am 24. und 25. Dezember 1967 Teile unserer Stadt von einem Hochwasser heimgesucht wurden, standen die Wehrmänner stundenlang im Einsatz, um wertvolles Volksvermögen vor Schaden zu bewahren.

 

Die zunehmenden Gefahren in den Haushalten, Betrieben und im Straßenverkehr bedingten in den folgenden Jahren ein weiteres Ansteigen der Einsatztätigkeit der Wehr. Neben der Bekämpfung von Waldbränden, kleineren Zimmerbränden und technischen Hilfeleistungen bei Verkehrsunfällen musste die Wehr auch mehrmals zu größeren Gebäudebränden in den Jahren 1968, 1970, 1971, 1973 und 1974 ausrücken.

"Großfeuer äscherte Doppelscheune ein", 19.07.1971 GAZ

Nicht nur auf dem Gebiet des Brandschutzes betätigten sich die Angehörigen der Wehr, sondern auch für den Gemeinsinn gegenüber der Stadt Lich selbst setzten sich die Wehrmänner ein. Als es galt, für die Unterbringung eines Löschfahrzeuges und eines Fahrzeuges für das Rote Kreuz zwei Großraumgaragen zu errichten, waren auch die Männer der Wehr bereit, in Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz für dieses Bauwerk Eigenleistungen zu erbringen, um der Stadt Lich erhebliche Mittel zu ersparen. In gemeinsamen, auf freiwilliger Basis geleisteten 700 Arbeitsstunden wurden die beiden Garagen erstellt, die dann am 14. September 1974 ihrer Zweckbestimmung übergeben werden konnten.

Gründung einer Jugendfeuerwehr in Lich

Auch der Förderung des Nachwuchses für die Wehr musste besondere Beachtung geschenkt werden. So wurde am 22. Februar 1975 offiziell eine Jugendfeuerwehr gegründet, in der eine Anzahl Jugendlicher im Alter zwischen 12 und 17 Jahren tätig ist. Nicht nur männliche Jugendliche sind hier begeistert für die Feuerwehrsache tätig, sondern auch einige Mädchen haben sich der Jugendfeuerwehr angeschlossen. Für die ersten Zusammenkünfte dieser Gruppe bauten die Angehörigen der Wehr in freiwilligen Arbeitsstunden ebenfalls einen entsprechenden Raum im alten Feuerwehrgerätehaus in der Oberstadt aus.

 

Von besonderer Bedeutung sollte das Jahr 1975 für die Wehr werden, weil es jetzt möglich wurde, die Motorisierung der Wehr vorläufig zum Abschluss zu bringen. So konnten im Rahmen der Abschlussübung am 12. Oktober 1975 zwei neue Fahrzeuge an die Wehr übergeben werden. Während ein Löschgruppenfahrzeug LF 8 - TS von der Stadt angeschafft werden konnte, wurde aus Mitteln der Wehr ein gut erhaltenes Kabinenfahrzeug auf Opel-Blitz-Fahrgestell erworben und in etwa 500 freiwilligen Arbeitsstunden durch Mitglieder der Wehr einer technischen Grundüberholung zugeführt und so umgebaut, dass es als Zugfahrzeug für die Anhängeleiter Verwendung fand.

100jähriges Bestehen der Freiwilligen Feuerwehr

Im Jahre 1976 konnte die Wehr auf ihr l00jähriges Bestehen zurückblicken. Da die Bemühungen, mit diesem Jubiläum auch den jährlichen Kreisverbandstag der Feuerwehren des Landkreises Gießen auszurichten, nicht zum Erfolg führten, entschloss sich der Vorstand der Wehr, die Jubiläumsveranstaltungen in einem angemessenen Rahmen im Zusammenhang mit dem „Licher Volksfest“ in der Zeit vom 30. Juli bis 2. August 1976 durchzuführen. Ein Kommersabend im Bürgerhaus am 30. Juli, eine große Schauübung am 31. Juli, eine umfangreiche Geräteschau am 1. August und ein gut organisierter, bunter Festzug am gleichen Tag unter Beteiligung von 30 Feuerwehren sowie aller Licher Vereine waren Höhepunkt bei dem Fest der 100 Jahre alten Freiwilligen Feuerwehr.

Neubau eines zentralen Feuerwehrgerätehauses in der Ringstraße

Durch den zwischenzeitlich vergrößerten Gerätepark der Wehr und die verkehrsmäßig ungünstige Unterbringung der Fahrzeuge an drei verschiedenen Standorten (Zwei Standorte in der Oberstadt, ein Standort am Schwanensee) ergab sich die Notwendigkeit, den Bau eines neuen, nach Möglichkeit zentral gelegenen Feuerwehrgerätehauses zu planen. Bereits bei der Aufstellung eines Flächennutzungsplanes für die Stadt Lich wurde im Jahre 1965 dem Magistrat der Stadt Lich vorgeschlagen, das Gelände hinter dem städtischen Bauhof in der Ringstraße für die Errichtung einer neuen Unterkunft für die Feuerwehr vorzusehen. Bodenuntersuchungen ergaben allerdings, dass dieses Gelände für den Bau nicht geeignet war. Nachdem es der Stadt gelungen war, ein geeignetes Gelände in der vorderen Ringstraße zu erwerben, konnte mit den Planungsarbeiten für die Errichtung des Bauwerkes begonnen werden. Die Planungsentwürfe wurden einvernehmlich mit dem Feuerwehrvorstand durch einen Bauingenieur, der heute noch Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Lich ist, ohne Honorar erstellt, wodurch der Stadt Lich auch hier einige Aufwendungen erspart werden konnten.

 

Nach Genehmigung des Raumprogramms durch die Stadtverordnetenversammlung und den Hessischen Minister des Inneren konnte am 5. Februar 1980 mit den Bauarbeiten begonnen werden. Die Einweihung erfolgte im Rahmen der bundesweiten Brandschutzwoche am 19. September 1981 im Beisein eines Vertreters des Hessischen Innenministeriums sowie zahlreicher Abordnungen anderer Behörden und der Feuerwehren des Landkreises Gießen. Die Baukosten betrugen insgesamt 1.101.437,24 Euro (damals 2.154.224,– DM). Das Land Hessen gewährte eine Beihilfe in Höhe von 457.000,– DM und ein zinsloses Darlehen aus dem Investitionsfonds in Höhe von 204.516,75 Euro (400.000,– DM). Der Landkreis Gießen gab einen Zuschuss von 73.421.51 Euro (143.600,– DM). Der Restbetrag wurde aus Haushaltsmitteln der Stadt Lich finanziert.

 

Mit der Gerätehauseinweihung verbunden war die Übergabe von drei neuen landeseigenen Löschgruppenfahrzeugen LF 16 - TS für den Katastrophenschutz an die Feuerwehren des Landkreises Gießen, von denen die Licher Wehr ein Fahrzeug in Empfang nehmen konnte. Das für Aufgaben des zivilen Bevölkerungsschutzes seinerzeit bereitgestellte alte LF 16 - TS wurde ausgemustert.

 

Erstmals hatte die Wehr bei diesen Feierlichkeiten, die mit einem „Tag der offenen Tür“ am 20. September 1981 verbunden waren, auch eine Abordnung der Feuerwehr aus der französischen Partnerstadt Dieulefit (Départements Drôme) zu Gast, nachdem Kontakte über ein Partnerschaftsverhältnis mit der dortigen Feuerwehr schon einige Zeit vorher aufgenommen werden konnten. Im Jahr 1983 besuchte eine Delegation der Licher Wehr die Feuerwehrkameraden in Dieulefit und festigte damit das angeknüpfte Partnerschaftsverhältnis.